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Dort, wo Shiva wacht

Eine Begegnung, die sich nicht wirklich in Worte fassen lässt

Zwischen Atem und Erschöpfung

Manche Begegnungen kann man nicht einordnen oder tatsächlich so reduzieren, dass man davon wirklich erzählen kann. Meine erste, intensive Begegnung mit Shiva war so eine. Wie etwas, dass sich über alles legt, was man vorher zu wissen glaubte.

Es war Shivaratri, eine große Zeremonie, die am frühen Abend begann und erst im Morgengrauen endete. Das ganze drei Nächte hintereinander. Eine Puja nach der nächsten, ohne Pause. Stundenlanges chanten, Stimmen, mal getragen, mal fast donnernd. Und diese besondere Qualität in der Luft, dicht, schwer und aufgeladen. Als wäre etwas anwesend, das nicht gesehen werden will, sondern gespürt.

Ich erinnere mich an glasklare Wachheit und an Erschöpfung. Und an ein eigenartiges Gefühl von Weite, das sich gerade dann zeigte, wenn es körperlich anstrengend wurde.

Eine Begegnung mit Shiva ist nicht 'nett'. Er ist kein Gott, der in dieser Nacht beruhigt und erklärt. Er taucht auf, mit aller Kraft und Macht die ihm innenwohnt. Und er taucht auf, wenn etwas zu Ende gehen muss.

Shiva trägt den Tod nicht als Drohung

Das zeigt sich auch in seiner Ikonografie: der mit Asche bedeckte Körper, Erinnerung an das, was verbrannt wurde. Die Totenschädel, nicht provokativ, sondern ehrlich. Das dritte Auge, nicht als Symbol höherer Wahrnehmung, vielmehr als die Kraft, die Illusionen verbrennt.

Shiva trägt den Tod nicht als Drohung. Er trägt ihn als Wahrheit.

In den alten Texten ist Tod nie einfach das Ende. er ist ein notwendiger Aspekt von Bewusstsein. Denn ohne Auflösung keine Erkenntnis. Ohne das Sterben von Identifikation keine Freiheit.

Was stirbt, ist selten das, was wir fürchten. Es sind Vorstellungen, Geschichten über uns selbst, die wir uns immer wieder erzählen. Ideen davon, wie etwas zu sein hat. Und genau das tut weh.

Transformation ist kein sanfter Prozess. Sie ist oft wie ein inneres Sterben, während das Leben außen ganz normal weiter läuft. Der Alltag funktioniert, der Körper funktioniert und doch ist etwas nicht mehr da, das bisher Halt gegeben hat.

Sein Tanz zerstört nicht aus Willkür

In einer der Nächte wurde das für mich spürbar. Das lange Wachbleiben, die Monotonie der Mantras, keine Gedanken mehr, es war nur noch 'etwas' erfahren.

Und irgendwann dieser Moment, an dem der Widerstand aufhört - nicht aus Einsicht, einfach aus Erschöpfung.

Vielleicht ist das Shivas Geschenk an uns. Er bringt uns an einen Punkt, an dem wir nicht mehr ausweichen können. Sein Tanz zerstört nicht willkürlich. Er löst auf, was nicht mehr trägt. Was leer geworden ist. Was nur noch aus Gewohnheit existiert.

Und daraus entsteht Raum.

Etwas war klarer

Für unser Leben heißt das etwas sehr konkretes: Wir müssen nicht alles festhalten. Nicht jede Identität verteidigen und nicht jede Phase verlängern, nur weil sie vertraut ist.

Manchmal ist Bewusstheit einfach zu erkennen, dass etwas gehen darf.

Als die Sonne an diesem Morgen aufging, war nichts 'gelöst'. Aber etwas war klarer. Nicht im Sinne von Antworten, eher in der inneren Ausrichtung.

Nicht alles, was vergeht, ist ein Verlust. Manches ist eine notwendige Befreiung. Und manchmal beginnt genau dort ein Leben, das weniger festhält und mehr wahrnimmt.

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